Indische Literatur heute

Bei der Fülle herausragender dichterischer und religiös-philosophischer Werke, die in drei Jahrtausenden auf Sanskrit entstanden sind, kann es nicht überraschen, dass diese klassische Literatur bis heute weltweit das Bild von Indien prägt. Aber auch die Moderne von der britischen Kolonialzeit bis in die Gegenwart war sehr produktiv. Im 19. Jh. kam es zu einer Blüte der Literatur in Bengali. Andere indische Regionalliteraturen folgten.

Seitdem auf Initiative der Kolonialmacht in Indien englischsprachige Schulen und Hochschulen gegründet wurden, gibt es auch eine indische Literatur in englischer Sprache. Sie zielt in erster Linie auf die einheimischen Leser, die im Englischen ebenso zu Hause sind wie in ihrer Muttersprache, erreicht aber auch eine weltweite Leserschaft. Eine Besonderheit des indischen Englisch ist seine Anreicherung mit Begriffen aus indischen Sprachen, für die es keine genau passenden englischen Entsprechungen gibt. Dieses Vokabular kann bei den indischen Lesern - auch in der weltweiten Diaspora - als bekannt vorausgesetzt werden und erspart dem Autor umständliche Erläuterungen.

Beim Übersetzen ins Deutsche muss man Wege finden, diese kulturspezifischen Inhalte verständlich zu machen und die authentische Atmosphäre des Originals zu erhalten, ohne den Text mit exotischen Fremdworten zu überfrach-ten. Solche kulturellen Hintergrundkenntnisse kommen mir beim Übersetzen sehr zugute.

Verlage, die einen Übersetzer mit diesem Profil suchen, können mir einige Seiten des für eine deutsche Ausgabe vorgesehenen Originaltexts zuschicken und eine Probeübersetzung anfordern.

Es folgt eine Aufstellung meiner bisherigen literarischen Übersetzungen


Übersetzungen aus dem Englischen

Chitra Fernando: ‚Die Vollkommenheit des Gebens’ (Erzählung), in ‚Die Horen’, Band 188 (1997), S. 173-185. Die Erzählung der Autorin aus Sri Lanka erschien im Original unter dem Titel ‘The Perfection of Giving’ in ‘The Penguin New Writing in Sri Lanka’, hrsg. von D. C. R. A. Goonetilleke, New Delhi 1992


Ruskin Bond: ‚Ein Schwarm Tauben’, Draupadi Verlag, Heidelberg 2010. Die Erzählung des anglo-indischen Autors Ruskin Bond erschien zuerst 1975 unter dem Titel ‚A Flight of Pigeons‘ und wurde zuletzt 2008 bei Penguin India neu aufgelegt. Sie diente auch als Vorlage für das Drehbuch von 'Junoon', einen Klassiker des Hindi-Films.           

Aus dem Klappentext der deutschen Ausgabe:

Indien 1857. Eine anglo-indische Familie gerät in den Strudel der ersten großen Aufstandsbewegung gegen die britische Kolonialmacht.

Die vierzehnjährige Ruth Labadoor erzählt, wie sie sich nach dem gewaltsamen Tod des Vaters zusammen mit ihrer Mutter ein Jahr lang durchschlägt, teils auf der Flucht, teils versteckt und verkleidet, teils als private Gefangene eines aufständischen Pathanen, der Ruth zur Frau begehrt. Mut und Geistesgegenwart der Mutter retten die beiden aus vielen gefährlichen Situationen.

Ruskin Bond, einer der großen Erzähler der englischsprachigen Gegenwartsliteratur in Indien, lässt die Epoche der ‚Sepoy-Meuterei’ oder des ‚Ersten Indischen Unabhängigkeitskriegs’ durch die Augen des bisher wohlbehüteten britischen Mädchens lebendig werden. Die spannend und anrührend erzählte Geschichte der Labadoors ist nicht primär ein Kommentar zur britischen Herrschaft in Indien, hält sich aber strikt an die historischen Tatsachen und erlaubt dem Leser, sich ein differenziertes Bild von den Haltungen und Motiven der Konfliktparteien machen .

Ruskin Bond: ‚Die Sommersaison‘ (Kurzgeschichte), erschienen in SÜDASIEN 02-03/2006, Bonn 2006. Im Original erschienen unter dem Titel ‚The Summer Season‘ in dem Kurzgeschichtenband ‚Time Stops At Shamli and other Stories‘, New Delhi (Penguin) 1989

Ruskin Bond: ‚Augen einer Katze‘ (Kurzgeschichte), erschienen in SÜDASIEN 4/2007 - 1/2008, Bonn 2008. Im Original unter dem Titel ‚Eyes of the Cat‘ erschienen in dem Band ‚Time Stops At Shamli and other Stories‘, New Delhi (Penguin) 1989

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Übersetzungen aus dem Hindi

Habib Tanvir: ‚Agra Basar. Schauspiel in zwei Akten‘ Aus dem Hindi/Urdu übersetzt von Reinhold Schein und Heinz Werner Wessler, Draupadi Verlag, Heidelberg 2007

Das Stück wurde im Rahmen des Theaterfestivals ‚Biennale Bonn – Indien‘ 2006 von Habib Tanvirs eigener Theatertruppe in Bonn aufgeführt. Aus diesem Anlass entstand die deutsche Übersetzung.

Agra, um 1810: Noch schimmert der alte Glanz der niedergehenden Mogul-Herrschaft. Schöngeister trauern im Laden des Buchhändlers besseren Zeiten nach. Mit der englischsprachigen Kultur, die von Bengalen aus mit der East India Company den Subkontinent durchdringt, leuchtet schon ein ganz anderes Zeitalter am Horizont auf. Währenddessen darben die Kleinhändler. Je schwieriger es wird, ihre Waren loszuschlagen, desto eher gehen sie aufeinander los. Einer ist von einer fixen Idee besessen: Ein Gedicht des berühmten Dichters Nazir wäre eine sichere Verkaufsstrategie für seine Gurken. Im großen Finale schließt sich das bunte, chaotische, bei aller Verschrobenheit liebenswerte Kaleidoskop des Lebens auf dem Basar im Chor zusammen: Straßenhändler, Affenführer, Prostituierte und ihre Freier, Polizisten und Kleinkriminelle, Dichter, Schöngeister, Wandermönche und viele mehr.

Habib Tanvir (1923-2009) war einer der Großen des modernen indischen Theaters. Beeinflusst vom Volkstheater und von Bertolt Brecht gehörte er zur ersten Generation der indischen Theaterregisseure, die nach Erlangung der Unabhängigkeit 1947 eigene Wege suchten. Das von ihm 1959 gegründete Ensemble ‚Naya Theatre‘ arbeitet mit professionellen Schauspielern und Laien, mit Dorfbewohnern, Bänkelsängern und Akrobaten der Straße. In Tanvirs Inszenierungen blieb immer Raum für das Spontane, für Improvisation. Agra Basar, seine Hommage an den volkstümlichen Urdu-Dichter ‚Nazir‘ Akbarabadi, gilt als Tanvirs bekanntestes Stück.

Uday Prakash: ‘Das Mädchen mit dem gelben Schirm’. Roman. Aus dem Hindi übersetzt von Ines Fornell, Reinhold Schein und Heinz Werner Wessler, Draupadi Verlag, Heidelberg 2009

Ein Uni-Campus in Indien. Der hochbegabte Student Rahul, Angehöriger einer niedrigen Kaste, und Anjali, Brahmanin und Tochter eines einflussreichen Politikers, lieben sich. ‘Das Mädchen mit dem gelben Schirm’ ist die Geschichte dieser hochriskanten Liebe, eingebettet in das Leben auf dem Campus mit seinen akademischen Eitelkeiten und dem Spinnennetz aus Korruption, das sich zwischen Hochschulverwaltung, Politik, Geschäftswelt und der örtlichen kriminellen Mafia aufspannt.

Uday Prakash, einer der bekanntesten und meistdiskutierten Hindi-Autoren der Gegenwart, weiß, worüber er schreibt. Er kennt die Hochschulszene aus eigener beruflicher Erfahrung, er weiß, wie es sich anfühlt, den Manipulationen verfilzter Seilschaften ohnmächtig zusehen zu müssen. Seine Wut ist in Sprache geflossen und gibt diesem Roman eine vibrierende Energie. Am Mikrokosmos des Uni-Campus zeigt sich die Situation des ganzen Landes in einer Epoche gewaltiger sozialer Umbrüche im Zeichen der Globalisierung.

Zugleich ist da noch eine ganze andere Welt: Die allgegenwärtige Traumfabrik Bollywood mit ihren Macho-Helden, ihren ebenso begehrenswerten wie unerreichbaren Göttinnen der Leinwand, ihren Songs und Tänzen und überlebensgroßen Plakaten durchdringt das reale Leben beinahe lückenlos. Aus diesem Spannungsgefüge entstehen Witz, Ironie und manchmal große Gefühle.

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Geetanjali Shree: ‚Mai‘. Roman. Aus dem Hindi übersetzt von Reinhold Schein, Draupadi Verlag, Heidelberg 2010

Drei Generationen einer gut situierten Familie in Nordindien: Der Großvater, ein Tyrann nicht ohne liebenswerte Züge, die Großmutter mit der rasiermesserscharfen Zunge, der untreue Vater, die beiden Kinder im komplizierten Prozess der Ablösung von einer dominanten Familie, eine Tante, die sich in alles einmischt, die Bediensteten. Im Zentrum steht Rajjo, die im Roman zumeist Mai (das Hindi-Wort für „Mutter“) genannt wird. Rajjo, die zunächst so schwach und unscheinbar wirkt, gewinnt im Verlauf des Werkes immer mehr an Konturen.

In ,Mai' zeichnet Geetanjali Shree ein detailliertes Bild der Rollenmuster und des Beziehungsgeflechts in einer traditionellen indischen Familie. Da ist der Urkonflikt zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, die strikte Trennung zwischen männlichen und weiblichen Domänen, aber auch der unaufhaltsame soziale Wandel, das Einströmen westlicher Ideen und Lebensweisen.

Geetanjali Shree, geb. 1957, lebt in Delhi und gehört zu den bekanntesten Hindi-Autorinnen der Gegenwart. Sie schreibt Romane und Kurzgeschichten. Mai, ihr erster Roman, erschien 1993 und wurde durch die Übersetzungen ins Englische (2000) und Französische (2008) zu einem international beachteten Werk. 

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